Reisebericht von Tschalie
Erstellt am 26.10.2007
Enduro Spontanurlaub in Rumänien
Nach einem eher unverbindlichem Gespräch in ausgedehntester Bierlaune sinierten Fritz und ich über einen eventuellen Kurztripp in das mittlerweile, zumindest in unseren Kreisen, sehr bekannte und noch viel beliebtere Enduroparadies Valea Verde. Ziel wäre es gewesen mit maximal 3 Fahrern neue Strecken zu entdecken, um das ohnehin schon ansprechende Programm bei Bedarf noch etwas zu verändern bzw. verschärfen zu können.
Wundersamerweise konnte ich mich am Montag darauf noch vereinzelt an jenes Gespräch entsinnen, und überwindete mich gar bei meinen Arbeitgeber vorsichtigst um Urlaub zu betteln, welches mir zu meiner tiefsten Überraschung auch noch gelang.
Nicht weniger war ich überrascht als sich Fritz tatsächlich bei mir meldete und mir zu verstehen gab, dass bis auf einige wenige Kleinigkeiten die Sache steht.
Die Kurzfassung dieser Kleinigkeiten lauteten wie folgt, die Bande bestand nicht aus drei oder vier Personen, sondern wuchs auf acht, und der Urlaub wurde nicht ausschließlich in Valea Verde verbracht, sondern auch in Carjiti welches der Wonhort von Cosminas Opa war und ganz in der Nähe von Deva liegt.
Obwohl ich von Anfang an nur wenige Bedenken diesbezüglich hatte, stellten sich diese Veränderungen als absolute Glückstreffer heraus, doch dazu später mehr.
Nachdem wir (Fritz, Cosmina, Specht und meine Wenigkeit) unsere Reise endlich antreten konnten, wurden wir von sommerlichen 32 Grad und strahlendem Sonnenschein in Deva begrüsst, welches sogleich zu einem kleinen Stadtbummel mit gelegentlichen Einkehrten in diversen Cafe‘s genutzt wurde.
Doch nun genug des Laster fröhnens, schliesslich waren wir hier um mit unseren Stollenbereiften Zweirädern neue Wege zu erkunden, dieses Vorhaben gelang uns hier ohne grosse Mühe, denn erstens sind wir in diesem Gebiet noch nie unterwegs gewesen und zweitens gab es zu unser Verwunderung auch hier ein beachtlich breitgefächertes Wegenetz. Im direkten Vergleich zu Valea Verde sind hier hauptsächlich weiche Wald- und Wiesenwege vorzufinden, welche zum Zeitpunkt unseres Daseins mit vielen Schlammlöchern gespickt waren.
Diese auf den ersten Blick harmlos wirkenden Pfützen hatten es ganz schön in sich, sehr zum Leidwesen von Fritz der sich direkt vor mir befindend über einen solchen hinterlistigen Tümpel hermachen wollte, etwas Anfahrt, tief abgesackt und gleichzeitiger sofortiger Stillstand, kein Cartoon hätte es lustiger darstellen können. Nachdem Specht und ich uns von unseren Lachkrämpfen erholt und genügend Fotomaterial gesammelt hatten
(denn Merke: "Erst fotografieren, dann helfen" Zitat unseres Reiseleiters!),
zogen wir ihn samt seiner 525er wieder auf befestigten Boden und leerten seinen Luftfilterkasten, aus dem aber nur viertelt soviel Wasser kam wie aus seinen Stiefeln.
Wie immer vergeht mir die Zeit viel zu schnell, schon war Dienstag und die Reise ging weiter nach Valea Verde, weil die zweite Gruppe (Sepp, Robert und "die Zuckerbuam" Chris und Andi) am darauf folgenden Tag erwartet wurde und noch einige Vorbereitungen zu treffen waren, welche aber recht zügig durchgeführt wurden. Es ist Mittwoch, die Burschen waren in Campeni angekommen und wir holten sie standesgemäß mit unseren Mopeds ab. Das Ab- und Umladen ging schnell von Statten, somit konnten wir rasch in unser "grünes Dorf" zurückkehren um den neuen Gästen ein erstes Stelldichein bieten zu können. Doch bald war zu erkennen das die Jungs hungrig waren, nein, nicht auf Cosminas hervorragende Küche, sondern auf´s biken. Wer könnte es ihnen auch verübeln, schliesslich ist das der Grund warum wir (in meinem Fall, immer wieder) hier sind!
Wir entschieden uns für eine gemütliche Runde, da der Tag schon etwas fortgeschritten war, und die Neuen ja immerhin noch die Strapazen der Anreise in den Knochen hatten.
Eine klassische Aklimatisierungsfahrt also, in der die üblichen "Sehenswürdigkeiten" (wie z. B. das Cafe Kristal, das Magazin u. ä.) zum Besten gegeben wurden, jene wurden auch prompt in Anspruch genommen. Der Tag war lang und diverse Mägen bereits am knurren, also gemütlich heimrollen zum Essen fassen und nach ein zwei Bier verkrochen wir uns alle langsam aber sicher in unsere Betten um am nächsten Tag fit zu sein.
Es war früh am Morgen, die Sonne blinzelte durch den sich zurückziehenden Nebel und der Himmel war Wolkenfrei, es sollte also wieder ein wunderschöner Tag werden. Nach dem Frühstücken wurden die Böcke noch schnell aufgetankt und kleinere Blitzinspektionen durchgeführt, jetzt war es aber allerhöchste Zeit sich in die Protektoren zu quetschen und sich auf´s Krad zu schwingen. Nur einer verweigerte seinen "Dienst", der Specht beharrte auf einen Ruhetag, nagut, soll er ihn haben, das Weichei. Höhnisch und verspottend waren sie, die zum Grossteil von mir gespuckten Töne, doch leider kommt der Hochmut ja bekanntlich vor dem Fall.
Schon kurz nach Beginn der Tour bemerkte ich das Ziehen vom Handgelenk bis zur Schulter, eigentlich kein Wunder, immerhin war ich mittlerweile den sechsten Tag auf meinem Donnerbolzen unterwegs, aber solche Lapalien unterdrückt man(n).
Die Route zum naheliegenden Vulkan wäre traumhaft gewesen, steile Schotterauf- und abfahrten mit unzähligen engen Serpentinen wechselten sich mit Wiesenwegen bis hin zu groben Geröll ab, ein schöneres Enduroterrain kann man sich nicht wünschen.
Genau bei jener Geröllpassage aber, die über einen Hang hinauf führte, wars bei mir aus, jeder Versuch vorwärts zu gelangen wurde mit einem durchdrehenden Hinterrad beantwortet, als sei das noch nicht genug war mir wohl meine Ypse auch noch beleidigt, fing sie doch aus heiterem Himmel an zu kochen. Als friedfertiger und sozialer Mensch der ich bin, teilte ich mit meiner Maschine brüderlich den halben Liter Limonade den ich mitgenommen hatte (mein Camelbag hatte ich am Vortag geschrottet) und konnte sie dadurch wieder besänftigen.
Kraft und Kondition lösten sich in Luft auf, mir war als floss Batteriesäure durch sämtliche Adern meines schindluder geplagten Körpers, zu meinem Glück nahm Fritz seine Pflichten als Reiseleiter ernst und half mir aus meiner misslichen Lage heraus, vielen lieben Dank Fritz!!!
Nach dieser Quälerei endlich oben angekommen, der Rest auf mich wartend, wurde mir gnädiger Weise doch noch eine Pause eingeräumt. Diese nutzte ich um meine letzten Reserven von flüssigen Substanzen jeglicher Art zu mir zu nehmen und meinen desolaten Zustand wenigstens vorübergehend auf die Sprünge zu helfen.
Was nun kam erinnerte mich stark an das letzte Jahr, als wir zum ersten mal die Flussdurchfahrt über uns brachten. Zurück? Niemals, schlimmer kann es nicht mehr werden. Jedoch wurde ich auch hier wieder eines besseren belehrt, schlimmer geht´s immer!
Der Pfad den es zu folgen galt entwickelte sich zu einer Art Singletrail, einen halben Meter breit, mit Steinen übersäat und schweinesteil nach oben. Das mit dem schweinesteil wurde allerdings nicht von jedem so anerkannt, denn wie von Robert zu hören war kann es nicht steil werden solange noch Buchen wachsen. Dieser, zumindest in dieser Situation, Brüller gab uns wieder etwas neuen Mut und verhalf uns die Schinderei mit einem Grinsen im Gesicht über uns ergehen zu lassen.
Irgendwann hatten wir es dann doch geschafft, die Talfahrt konnte in Angriff genommen werden, und dennoch gerieten wir wieder an einen fragwürdigen Trail. Fritz als Guide fuhr, oder besser, schlitterte als erster voran um den Weg auszukundschaften, welcher wirklich extrem steil nach unten führte und zu allem überfluss auch noch rutschig wie Schmierseife war. Weil schon beide Räder blockierten warf er den Anker und legte sich hin, kaum aufgestanden glitt Sepp, ebenfalls mit zwei blockierenden Reifen mit den Worten "brauchst gar ned so blöd schaun, affe kumma sowieso nimma" vorbei.
Tja, jetzt hieß es also auch für alle Anderen den beiden Kamikaze´s zu folgen, erstaunlich war dass mir dieses Manöver überhaupt nicht´s mehr ausmachte, vermutlich schaltet der Körper, oder Geist, wahrscheinlich sogar beides irgendwann aus Selbstschutzmaßnahmen ab.
Nach dieser Prozedur kamen, Gott sei es gedankt, wieder die altbekannten Schotterwege die nach Grosuri führten, auf denen die Kerze von Sepp durchbrannte. Bei einer netten Bäuerin liehen wir uns eine Kette aus mit der Chris die Gasgas abschleppte. Andi und Fritz fuhren in unser Quartier um eine neue Zündkerze und Werkzeug zu holen, wir restlichen freuten uns auf ein kühles Bier im ortsansässigen Magazin um die Wartezeit zu verkürzen. Als die Reparatur vollstreckt war kaufte Robert ein Päckchen Kaffee für die nette Landwirtin als Dankeschön für das Borgen der Kette, welches mit Freudentränen und Dankesarien Ihrerseits belohnt wurde. Jetzt, da alle verpflichtungen erfüllt waren konnten wir den heimweg antreten, doch offensichtlich waren manche noch nicht ganz ausgelastet, warum sonst prügelt man sich samt Motorrad jeden möglichen Hang abseits des Weges hinauf? Zu diesem Zeitpunkt für mich absolut unverständlich, verdammt, ich werde alt....
Am Abend galt "the same procedure as every year", köstlich gegessen, zwei vielleicht drei Bier und ab in die Falle.
Der nächste Tag sollte mein Ruhetag werden. Jaja, nennt mich Weichei, doch ob man´s glaubt oder nicht, ich war froh nach dem Frühstück mit Cosmina abspülen zu dürfen, und mich nicht meinem sicheren Abdanken auf dem Bike stellen zu müssen. Sogar das Kartoffelschälen in der mittäglichen Sonne habe ich genossen, langsam spürte ich auch meine Arme und sonstige Glieder wieder. Die verlorengeglaubten Bewegungsabläufe, wie beispielsweise das heben der Arme oder Beine kamen stetig zurück und wurden kurzer Hand dazu genutzt den schwer zu erkennenden Weg am Hang direkt gegenüber unseres Domizil´s zu erkunden. Von der kurzen Wanderung zurück, halfen Fritz und ich Viktor beim äpfel transportieren, aus welchen er und Valentin den gefürchteten aber trotzdem beliebten Tuica brennen. Nach diesen Strapazen stand uns unseres Erachtens ein eiskaltes Bier zu, welches wir im Magazin genossen haben, wo wir sowieso noch Brot holen mussten. Kaum setzten wir uns hin, war ein kreischender Lärm zu vernehmen, unsere mit Zweitaktern bewaffneten Kollegen flogen an, gesellten sich zu uns und wir läuteten den letzten gemeinsamen Abend ein.
Obwoh bei den mir bekannten Rumänen die Zeit nur eine untergeordnete Rolle spielt, kommt es mir so vor als ob selbige mindestens doppelt so schnell vergeht wie in Deutschland. Die Zeit ist um, Sepp, Robert, Andi und Chris packten am nächsten morgen und machten sich auf die Heimreise. Packen mussten auch wir, allerdings durften wir noch einmal bei Cosminas Opa übernachten und traten unsere Rückfahrt erst am Sonntag in aller Früh an.
Zum dritten mal war ich nun in Rumänien gewesen, und immernoch versprüht dieses Land und deren Leute eine Wirkung auf mich, der ich mich nicht entziehen kann und will. Es ist die Gelassenheit der Menschen, die schier endlose, unberührte Natur und nicht zuletzt die fast gespenstische Ruhe die man hat, sobald man seine Enduro abstellt und in die weite Ferne blickt.
Hach, und wieder schwelge ich in den Erinnerungen, mal sehen wie lange der nächste Spontanurlaub auf sich warten lässt....
Also dann, Servus beinand
MFG
Tschalie
copyright 2006 by Karl Kandlbinder